Smartphones machen einsam & depressiv – Vorurteil oder Realität?

Smartphones einsam depressiv
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Das Smartphone als digitaler Helfer nimmt Dir das Denken ab. Die Navigations-App zeigt Dir zielsicher den richtigen Weg, Dein Mobiltelefon erinnert Dich an Termine, verwaltet Notizen und im Zweifelsfall kannst Du mobil alles über Google suchen, was Dich gerade interessiert. Der mobile Allrounder bietet Kalender, Merkblatt, Anleitungssammlung, Taschenrechner, Rezeptbuch und vieles mehr in einem Komplettpaket. Eigentlich sehr praktisch und heute für viele selbstverständlich. Aber gehen dadurch nicht auch Fähigkeiten verloren?

Was passiert, wenn Smartphone-Nutzer Rechnungen nicht mehr im Kopf überschlagen oder Texte ohne Rechtschreibprüfung nicht fehlerfrei schreiben können? Geben wir zu viel an das Smartphone ab und werden dadurch dumm und deprimiert? Stichwort digitale Demenz. Gibt es das wirklich?

Machen Smartphones denkfaul oder ändern sich Fertigkeiten nur?

Wer hat nicht schon einmal in ihr Smartphone vertiefte Spaziergänger gesehen, die beinahe vor das nächste Auto laufen oder das Umschalten der Fußgängerampel auf Grün einfach verpassen?

Und wer alles nur noch online recherchiert, sich keine Telefonnummern mehr merken muss und bei jedem Trip den Routenplaner nutzt, muss doch geistig abbauen. Oder nicht?

Zunächst einmal klingt es plausibel: Fähigkeiten, die nicht genutzt werden, verkümmern.

Wenn ein Profi-Sportler aussteigt, dann verlernt er vieles irgendwann und verliert an Kondition. Wer ewig nicht schwimmen war verliert zwar nicht gleich jegliche Fähigkeiten zum Fortbewegen im Wasser, das Schwimmen wird aber erst einmal etwas schwerer fallen.

Und wer nach dem Verlassen der Schule nie wieder Integralrechnungen braucht, verlernt diese komplizierten Kalkulationen recht schnell. Ohne Übung gehen Fertigkeiten verloren oder verschlechtern sich zumindest.

Aber gilt das auch für das Nutzen von Smartphones, welches Dir einiges leichter macht und manchmal auch das Grübeln erspart?

Anforderungen verändern sich und das ist auch gut so!

Eines vorweg: Ganz so ist es dann doch nicht!

Natürlich kannten viele vor den Zeiten der Mobiltelefone mehrere Telefonnummern auswendig. Heute ist das seltener der Fall, denn das Telefonbuch Deines Smartphones nimmt Dir die Aufgabe ab, lange Nummern auswendig lernen zu müssen.

Möglichkeiten von Smartphones

Smartphones bieten uns vielfältige Möglichkeiten: Von Terminkalendern, über Karten-Apps bis zu Erinnerungen …

Vielleicht hast Du Dich früher an unbekannten Orten auch durchfragen müssen und Dir Beschreibungen wie „An der Kirche links, dann zweimal rechts, bei der Kaufhalle weiter gerade aus und dann am Berg hoch, bis der Autohandel kommt und dann nochmal links“ merken müssen. Heute leitet Dich die Navigations-.App zielsicher durch fremde Gebiete.

Als es noch keine Mobiltelefone mit Erinnerungsfunktion gab warst Du auch gefordert, Dich rechtzeitig an Termine zu erinnern und wichtige Fristen nicht aus den Augen zu verlieren, selbst wenn keine elektronische Nachricht darauf hinweist.

Aber war das früher unbedingt besser oder nur anders?

Das Smartphone lässt Dich anders denken

Welche Folgen hat die Smartphonenutzung für das Denken? Wie verändert es die Merkfähigkeit und Aufmerksamkeit oder – wie Forscher es nennen – die „Kognition“?

Smartphones und die Möglichkeit, nahezu überall online zu sein, verändert die geistigen Anforderungen. Denn es wird weniger wichtig, sich vieles zu merken, sondern die Frage, wie Du Informationen findest, was Du googeln und wo Du suchen musst, ist entscheidender. Dadurch können Informationen ausgelagert werden.

Dies bezeichnen die Psychologen wie Nathaniel Barr und Kollegen als „extended mind„, also eine Art von Bewusstsein, das außerhalb des Kopfes liegt und dadurch erweitert wird. Einfacher formuliert: Du musst Dir nicht alles merken und nicht alles können, wenn Du mit dem Smartphone jederzeit alles online recherchieren kannst. Das Smartphone denkt für Dich mit, zumindest ein wenig.

Wie sich dies auswirkt, untersuchte 2015 ein psychologisches Forscherteam rund um Nathaniel Barr. Sie stellen den Teilnehmern ihrer Studien sogenannte Reasoning-Aufgaben. Dies sind Aufgaben, bei denen das logische Denken gefragt ist und etwas geschlussfolgert werden muss. Es zeigte sich, dass sich einige Teilnehmer beim Lösen der Aufgaben sehr stark auf die Hilfe ihrer Smartphones verließen.

Dies trifft besonders dann zu, wenn jemand eher intuitiv denkt und weniger analytisch an Aufgaben herangeht. Wer sich also bei Problemen eher auf spontane Einfälle verlässt oder verschiedenes ausprobiert, ohne systematisch und geplant vorzugehen (intuitiv statt analytisch), der vertraut auch stärker auf das Smartphone. Aber wie ist dies zu werten? Ist es denn gut, sich auf den mobilen Helfer zu verlassen oder kann das dazu führen, dass wir vergesslich werden und unseren Kopf nicht mehr selbst anstrengen können?

Oder ist es gerade gut, gewisse Informationen auf das Smartphone auszulagern, weil dann mehr Kapazität für das Wesentliche bleibt?

Smartphones erfordern neue Kompetenzen

Dank der praktischen Funktionsvielfalt Deines Smartphones bist Du heute an einigen Stellen weniger gefordert, denn das Mobiltelefon entlastet Dich.

Es kommt zu einer Verschiebung von Fähigkeiten, denn sich lange Telefonnummern merken zu können würde Dir heute nicht mehr viel nutzen. Dir stattdessen zu merken, wie Du mit Deiner App einen Weg planst oder die Einstellungen Deines Smartphones administrierst ist heutzutage ein sehr viel nützlicheres Wissen.

Kurzum: Du merkst Dir einfach andere Dinge und passt Dich an die Möglichkeiten Deines mobilen Helfers an.

Das Gedächtnis wird nicht überflüssig, es wird nur anders belastet und gefordert. Fähigkeiten, die inzwischen nicht mehr gebraucht werden, wie das Merken langer Telefonnummern, verlieren sich, aber andere Fähigkeiten, wie das intuitive Erschließen von Funktionsweisen der Technik, kommen hinzu.

 

Digitale Demenz

Digitale Demenz durch Smartphones? Nicht wirklich …

Die Warnung vor einer digitalen Demenz sehe ich daher eher als einen gewissen Populismus, der wissenschaftliche nicht belegt ist. Denn auf der Suche nach Studien zu diesem Thema lässt sich fast nichts finden. Es wurde lediglich in einige Studien betrachtet, dass das Handy bei der Arbeit oder beim Abarbeiten von Aufgaben stören kann, eben weil es Aufmerksamkeit erfordert.

Wenn Du im Job Dein Smartphone neben Dir liegen hast, wirst Du ab und zu auf dieses schauen oder neu eingehende Nachrichten lesen und während Du eine Nachricht liest, unterbrichst Du Deine sonstigen Aufgaben. Das ist logisch, führt aber meistens nicht zu einem besonders großen Nachlassen der Arbeitsleistung und hat mit digitaler Demenz nichts zu tun.

Einsam und depressiv aufgrund des Smartphones?

Ein zweites Vorurteil gegen Smarphone-Junkies ist die Unterstellung, dass zunehmend online verbrachte Zeit depressiv macht.

Warum denn das und was bedeutet in diesem Zusammenhang „depressiv„?

Gemeint ist damit, dass Personen eher niedergeschlagen sind, sich deprimiert und antriebslos fühlen. Genau diese Gefühlen soll verstärkt auftreten, wenn jemand viel Zeit online verbringt. Denn je mehr eine Person online ist, desto weniger Zeit wird offline verbracht, mit Freunden, bei Verabredungen, bei spannenden Aktivitäten im Alltag.

Weniger soziale Kontakte können dann dazu führen, dass die Stimmung schlechter wird und wer ohnehin nicht gut gelaunt ist, hat noch weniger Lust dazu, Zeit mit anderen zu verbringen. Das kann dann theoretisch zu einer zunehmenden Depressivität führen.

Ist das wirklich so? Und was spricht dagegen?

Social Media eignen sich ideal zur Kontaktpflege

Wer argumentiert, dass zunehmende Smartphonenutzung zu weniger sozialen Kontakten führt, vergisst dabei einen wesentlichen Aspekt, denn Facebook und Co. erlauben es auch, Kontakte online zu pflegen.

Smartphone Social Media

Soziale Netzwerke machen es sogar einfacher, Kontakt zu halten, weil Du einfach etwas postest und darüber Rückmeldungen vieler generieren kannst.

Ist es nicht auch ein schönes Gefühl, eine nette Nachricht von einem lieben Menschen zu erhalten? Kann das nicht auch Trost spenden? Manchmal ist es sogar einfacher, eigene Gefühle in einem Satz zu formulieren oder durch ein Bild zu symbolisieren, welches Du postest, anstatt sie in einem Gespräch zu transportieren.

Digitale Kommunikation muss also nicht schlechter sein als reale Kontakte, auch wenn Du im Real Life natürlich mehr mit Deinen Freunden unternehmen kannst als einfach nur Worte und Bilder auszutauschen. Viele Kontakte werden heute online geknüpft: Du lernst neue Leute mit ähnlichen Interessen in den Social Media kennen oder flirtest online über Tinder und Co. Soziale Kontakte werden heute anders organisiert, aber das muss nicht zwangsweise schlechter sein, im Vergleich zu den Zeiten ohne Mobiltelefon.

Was sagt die Forschung – Machen Smartphones depressiv?

Werfen wir einen Blick in die Forschung, um uns die Vorurteile gegen Smartphones und Online-Nutzung genauer anzuschauen. Einige Forschungsergebnisse deutet tatsächlich ein Zusammenhang zwischen negativer Stimmung und der Dauer der Online-Nutzung an.

Wer zu oft online ist, kann depressiv werden – das zeigte eine Überblicksstudie der Forscher Kimberly Young und Robert Rogers aus dem Jahre 2009. Die Betonung liegt hier allerdings auf pathologischer Internetnutzung, also einer Internetsucht. Von einer solchen sprechen Psychologen dann, wenn jemand andere Pflichten im Leben deutlich aufgrund der Internetnutzung vernachlässigt, sich zunehmend isoliert und kaum noch soziale Kontakte pflegt.

Dass es nicht gesund sein kann, in solch einem Ausmaß online zu sein und gewissermaßen das reale Leben derart zu vernachlässigen, überrascht nicht. Aber normale Internetnutzung, die keine Sucht darstellt, kann nicht mit Depressionen in Verbindung gebracht werden.

Normale Mediennutzung ist nicht problematisch

Wenn Extremgruppen untersucht werden, also Personen, die wirklich ein problematisches Online-Verhalten zeigen und gewissermaßen online-süchtig sind, dann erlaubt das keine Schlüsse darüber, wie die Situation bei Gesunden aussieht. Denn nur weil jemand, der online-süchtig ist zu Depressionen neigt, heißt dies nicht automatisch, dass sich die Stimmung bei allen anderen auch durch die Nutzung von Online-Medien verschlechtert.

Wie sieht es in der Normalbevölkerung aus? In einer Studie aus dem Jahr 2014 machte sich eine Forschergruppe rund um Sakari Lemola auf, Zusammenhänge zwischen der Mediennutzung, Schlafproblemen und Depressionen bei Jugendlichen zu erfassen.

Sie untersuchten Jugendliche bis zu einem Alter von 17 Jahren und ließen die Teilnehmer in ihrer Untersuchung Fragen dazu beantworten, wie oft sie vor dem Schlafengehen fernsehen, an der Konsole spielen, ihr Mobiltelefon nutzen oder surfen.

Es zeigte sich ein wenig überraschendes Ergebnis: Wer ein Smartphone besaß, benutzte dies natürlich auch und war öfters online oder simste und chattete auch bereits im Bett liegend häufiger als diejenigen, die nur ein klassisches Handy besaßen.

Die Smartphonebesitzer gingen auch später schlafen. Was zunächst problematisch klingt, war es aber nicht. Denn die Nutzung der Smartphones war weder mit der Häufigkeit von Schlafstörungen oder dem Auftreten von Depressionen verbunden.

Deine Meinung zu den Folgen der Smartphonenutzung?

Wie hat das Smartphone Dein Leben verändert? Was hast Du dadurch neu gelernt und welche Fertigkeiten hast Du vielleicht auch verlernt? Bist Du durch Dein Smartphone vergesslicher geworden?

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Andrea Augustin

Hallo, ich bin Andrea und blogge bei den smartphonepiloten zu aktuellen Mobilfunktrends und spannenden Angeboten rund ums Telefonieren. Ich entdecke gern Neues und teste innovative Ideen.

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